Je einfacher und provisorischer eine Leitung verlegt wurde, desto wichtiger war das Vorhandensein eines Erdleiters.
Einfach ausgedrückt diente die Erdleitung dazu die Verständigung und die Betriebssicherheit zu verbessern, da überflüssiger Strom abgeleitet wurde. Wie ich bereits in vielen meiner Artikel immer wieder anmerke, muss im militärischen Bereich höchste Aufmerksamkeit auf die Verständigungsqualität gelegt werden.

Erdstecker mit Tasche
Erdstecker mit Tasche

Ein Beispiel: Stellen Sie sich einmal einen vorgeschobenen Beobachter vor, welcher eventuell nur wenige hundert Meter von schwerem Artilleriefeuer entfernt lag:
Seine Anweisungen und Beobachtungen konnten entscheidend für den Ausgang eines Gefechts sein. Eine möglichst gute Verständigung ist und war essentiell für das militärische Nachrichtenwesen!

Zu Erdleitungen wurde den Soldaten ein Grundsatz "eingetrichtert": "Je leichter der Strom zur Erde übergehen kann, umso besser ist die Verständigung!" Sehr wichtig war dies bei Einfachleitungen zwischen zwei Feldfernsprechern.
Sehr häufig musste die Erdleitung, die sogenannte Noterde, in Hast und notdürftig hergestellt werden.
Hierzu wurde dann tatsächlich das Seitengewehr (Bajonett) genutzt, welches mit dem Erdleitungsdraht umwickelt und in die Erde gesteckt wurde.
In den zugehörigen Anweisungen heißt es:
"Die Befestigung des Drahtes am Seitengewehr muss aufs Gründlichste erfolgen (festes Umwickeln). Hierbei ist darauf zu achten, dass nicht nur ein Punkt des Erdleitungsdrahtes, sondern ein größeres Stück das Seitengewehr berührt."
Natürlich wurden die Soldaten dazu aufgefordert die Nutzung des Bajonetts als Erdleitungsstab möglichst zu vermeiden. Das Bajonett musste als gut gepflegte Notfallwaffe getragen werden und sollte nicht spröde oder schartig werden. Der Begriff Materialschonung war hier maßgebend.

Seitengewehr der Wehrmacht
K98 Seitengewehr der Wehrmacht

 

Die Soldaten hatten als Erdstecker spezielle Werkzeuge:

Der Erdstecker, welcher in einer Ledertragetasche am Koppel mitgetragen werden konnte und
das Erdleitungsrohr, welches heute häufig als "schwerer Erstecker" oder "große Erdungsschraube" bezeichnet wird. Das Erdleitungsrohr war speziell für den Einsatz an Fernmeldewagen gedacht und konnte in die Erde eingeschraubt werden.

Der Erdleitungsdraht war ein einfacher Kupfer- oder Bronzedraht mit sehr guten Leiteigenschaften.
Sofern die Soldaten einen solchen Draht nicht bei sich hatten, konnte alternativ Wachsdraht verwendet werden.
Die Verwendung von Eisendraht war wegen der schlechten Leiteigenschaften untersagt. Auch leichtes oder schweres Feldkabel sollte nach Möglichkeit nicht genutzt werden.

 

Beim Aussuchen einer Noterde waren einige Dinge zu beachten:

Je trockener der Boden, desto schlechter waren die Leiteigenschaften. Ideal waren z.B. Teiche, Bäche, feuchte Böden, Blitzableiter oder Wasserleitungen. Die Soldaten mussten in ihrer Ausbildung lernen, wie sie gute von schlechten Erden voneinander unterscheiden konnten.

Erdleitung als Schnittmuster
Doch was, wenn nur schlechte Erden vorhanden waren?
Hier entschied die Notwendigkeit. Sollte die Leitung längere Zeit bestehen, wurde im Großen improvisiert. Die Findigkeit des Soldaten war hier gefragt.
Trockener Boden kann einige 1000 Ohm Widerstand besitzen. Der Widerstand senkte sich zum Beispiel durch Begießen der Erde mit Wasser.
Hierzu haben die Erdstecker und Erdleitungsrohre übrigens die Löcher! Das Wasser wurde in die Öffnung am Steckerkopf gegossen, floss dann durch die Löcher im Erdstecker und verteilte sich in idealem Maß in der Erde um eine bestmögliche Erdung zu gewährleisten.
Die Soldaten wurden sogar angewiesen die Erdleitungsrohre falls notwendig mit ihrem Urin leitfähiger zu machen!

Löcher im Erdstecker
Löcher im Erdstecker zur Verteilung der Leitflüssigkeit

Weitere Möglichkeiten, welche in Dienstanweisungen und Handbüchern vorgeschlagen werden:

  • Benutzung von rostfreien Erdplatten (Verteilung der Erde auf eine größere Fläche)
  • Auslegen von Dachrinnen aus Zinkblech
  • Auslegen von Drahtgitter
  • Auslegen von Stacheldraht
  • ...usw.

Die Spanne an Möglichkeiten war also immens! Gefragt waren nur die Findigkeit und der Einfallsreichtum der Soldaten.

Man unterschied außerdem zwischen den soeben erläuterten künstlichen Erdleitern, den vorhandenen Erdverbindungen und den Ergänzungserdleitungen.

Vorhandene Erdverbindungen waren z.B. Wasserleitungen, Rohre, Bahnschienen, usw.. Eben alles, was vorhanden war und als guter Schutzleiter dienen konnte.
Hierbei sei anzumerken, dass z.B. Bahnschienen in infrastrukturell gut ausgebauten Bereichen keine wirkliche Erdverbindung hatten und daher ungeeignet waren. Hier war das Beurteilungsvermögen der Soldaten gefragt.
Für die bestmögliche Leitfähigkeit wurden der Erdleitungsdraht und der vorhandene Leiter an den Berührungsstellen blank gerieben. Diese wurden dann durch unterschiedliche Techniken oder Hilfsmittel, wie z.B. Spannverbinder aneinandergewickelt.

Verdrillung von zwei Leitungen
Verdrillung von zwei Leitungen

 

Spannverbinder
Spannverbinder

Beim Bau der Schutzerden war einiges zu beachten:

Bei Einzelleitungen sollte alle 20-50m eine Schutzerde befestigt werden. Wichtig beim Ziehen von Schutzerden war immer, dass diese in Richtung der Gegenstelle aufgestellt wurden.
Die Erde um den Erdstecker oder das Erdleitungsrohr musste beim Bau nach Möglichkeit festgestampft werden, damit keine Luftblasen zwischen Erdreich und Erdstecker übrig blieben. Luftblasen vermindern die Leitfähigkeit.
Die Verbindung zwischen der Einzelleitung und dem Erdstecker wurde mit Schutzleiterdraht bewerkstelligt. Hierzu wurde der Erdleiterdraht um eine blanke Stelle der Einfachleitung gewickelt und dann abgeführt. (BILD 82)


Lief das Erdleiterkabel in einen geschlossenen Raum, so musste aufgrund von Kurzschlussgefahr Wachsdraht verwendet werden. Unterschiedliche Drahtarten wurden immer zu einer Raupe zusammengeflochten.
Sofern sich die Sprechstelle tatsächlich auf felsigem Grund befand (was ja nicht selten vorkam), so sollten die Soldaten tatsächlich das Erleitungskabel so weit fortführen bis geeigneter Boden vorzufinden war. Das folgende Bild zeigt, wie dieser Aufbau z.B. aussehen musste:

Wegführen der Erdleitung
Wegführen der Erdleitung


Die Soldaten mussten sorgsam prüfen, ob bei solchem Aufwand nicht doch der Bau einer Doppelleitung sinnvoller war.
Je mehr Gegenstellen vorhanden waren, desto komplexer wurde der Bau der Erdleiter. Typischer Einsatz einer gut ausgeklügelten Erdleiterstruktur war die Verbindung mehrerer Gegenstellen mit Feldvermittlungen.
Hier musste ein ungewolltes Mithören und Mitsprechen unbedingt unterbunden werden! Ein gemeinsamer Erdleiter auf Vermittlungsseite musste wenn möglich verhindert werden und stattdessen musste pro Gegenstelle eine einzeln zurückgeführte Erdleitung bestehen. Diese Erdleitung war zu den bereits erwähnten Maßnahmen herzustellen.

Die Erdleiter mussten natürlich nicht alle 20 Meter bis zur Gegenstelle verlegt werden! Das wäre unter typischen Feldbedingungen auch völlig unrealistisch!
In der Regel genügte ein Erdleiter pro Sprechstelle. Dieser wurde in 20 - 50m Entfernung parallel in Richtung der Gegenstelle angebracht. Bei kritischen Verbindungen wurde die Schutzerde entsprechend verbessert. Ebenso im Falle von deutlichen Verständigungsproblemen durch nicht ausreichende Erdung.

Verlegen der Erdleitung bei Vermittlungseinrichtungen
Verlegen der Erdleitung bei Vermittlungseinrichtungen

Wurden die Erdleiter wirklich immer verlegt? Wieso gibt es so wenige zeitgenössiche Aufnahmen, auf welchen ein Schutzleiter zu sehen ist?

Fakt ist, dass Erdstecker und auch Erdleitungsrohre bis zum Kriegsende produziert wurden. Also wurden sie auch genutzt!
Häufig wird argumentiert, dass eine Schutzerde nicht mehr notwendig war, sofern ein Feldfernsprecher 33 n.A. (neuer Art) genutzt wurde. Diese Behauptung ist falsch, da die Sprechspule hauptsächlich die eigene Stimme abdämpft.
Die Vorschriften zum Einhalten der Schutzerden blieben ebenfalls bis zu den letzten Ausgaben bestehen.
Natürlich kann man davon ausgehen, dass die Feldfernsprecher an forderster Front, wo alles schnell gehen musste, nicht immer mit den Schutzleitern abgesichert wurden. Der Frontsoldat hatte keine Zeit und falls es mit hohem Risiko verbunden war sicherlich auch kein Bedürfnis hierzu.
Dennoch wurde die Schutzerde ganz sicher bei festen, über längere Zeit bestehenden Einfachleitungen genutzt. Nur so konnte ein sicherer und störungsfreier Betrieb gewährleistet werden.
Auf zeitgenössischen Bildern sieht man nur selten eine Schutzleitung oder einen Erdstecker in Nutzung. Das ist jedoch nicht verwunderlich, denn ganz ehrlich: Die Soldaten haben in der Regel sich, ihre Kameraden oder ihre Fernsprechstelle fotografiert. Wieso sollten sie den 20 - 50m entfernten Erdungsstab fotografieren?

Erdleitung falsch aufgebaut
Erdleitung falsch aufgebaut - Zu nah beieinander! Ergo: Überschneidung der Gespräche!

 

Erdleitung richtig gebaut
Erdleitung richtig gebaut! - Abstände eingehalten und Richtung beachtet!

Erdleitungen waren essenziell für den Leitungsbau! Der korrekte Bau von Erdleitungen war fester Bestandteil der Ausbildung aller Nachrichteneinheiten und musste in Theorie und Praxis beherrscht werden. Der Bau von Erdleitungen zeigt deutlich wie komplex doch der Feldkabelbau war und wie viel Wissen die Soldaten über den Feldkabelbau beherrschen mussten. Heute fast unvorstellbar.

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