Die Ardennenoffensive

Unternehmen "Wacht am Rhein". So nannte sich Hitlers letzte große Offensive, welche die Sicherung des Nachschubhafens in Antwerpen zum Ziel hatte.

Ein letztes Mal sollte das Schlachtvieh offensiv zur Schlachtbank geführt werden. Die hohen Ränge der Wehrmacht waren sich einig darin, dass der Krieg längst verloren war. Die NS-Führung hatte sich allerdings weder vorher noch zu diesem Zeitpunkt von den Einschätzungen ihrer Militärs beeindrucken lassen. "Ja-Sager" waren gefragt. Die vielen, vollkommen zu Recht, kritischen Stimmen aus den Reihen der Wehrmacht wurden spätestens nach den Hinrichtungen der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 zum Stillschweigen gebracht. Der Widerstand den Offiziere noch leisten konnten bestand häufig in dem Versuch so wenige Männer wie möglich zu opfern.

Doch die Ardennenoffensive sollte noch einmal zu einer großen, letzten verlustreichen Schlacht werden.

Easy Company Foxholes Bastogne
So sieht es heute in vielen Wäldern der Ardennen aus:
Schützenlöcher, sogenannte "Foxholes".
Hier die Löcher der E Company, 506th Infantry Regiment 101. Airborne in den "Jack Woods" vor Bastogne.
Diese Einheit wurde durch die HBO Serie "Band of Brothers" weltberühmt.

Die Ardennen waren bis zum 16. Dezember 1944 unter den amerikanischen GIs eher als ruhiger Fleck bekannt. Viele sprachen bereits von Berlin und dem baldigen Ende des Krieges.

Doch was sich wirklich direkt vor ihrer Nase abspielte bemerkten die US-Streitkräfte nicht... Hitler zog die letzten Reserven an die Grenze. Fast vollkommen unbemerkt.

200.000 Soldaten, 600 Panzer und 2000 Geschütze wurden aufgefahren. Ihnen gegenüber stand eine vollkommen unvorbereitete US-Armee mit 83.000 Soldaten, 400 Panzern und ca. 500 Geschützen.

Am frühen Morgen des 16. Dezember 1944 brach dann die Hölle über den Amerikanern aus!

Die US-Soldaten wussten nicht recht, was dort gerade direkt vor ihren Augen geschah, als plötzlich hunderte deutscher Geschütze das Feuer eröffneten. Ein riesiges Heer deutscher Soldaten tauchte wie Geister aus den Wäldern auf, Einschläge von V1-Raketen, große Panzer, Sturmgeschütze... kurzum: Den US Soldaten kam eine regelrechte Flutwelle entgegen.

Der Großvater meiner Frau kommt aus der Nähe von Clervaux und war ein waschechter Zeitzeuge dieser ersten Tage! Auch er traute seinen Augen und Ohren nicht... Ein unglaubliches Grummeln, welches immer lauter wurde und dann in lautem Geschützlärm ausartete. In Panik fliehende US-Soldaten, vollkommen aufgelöst und neben sich stehend. "Rette sich wer kann!" Nach wenigen Stunden waren die deutschen Truppen bereits viele Kilometer vorgestoßen.

Die Amerikaner konnten die Front erst etwa am 21. Dezember halbwegs stabilisieren. Dies wurde nur durch schnell herangezogene Truppen ermöglicht, darunter auch Elitedivisionen wie die 101. und die 82. Airborne-Division, welche am 22. Dezember 1944 in Bastogne komplett eingeschlossen wurden.

Bastogne war ein bedeutendes strategisches Ziel für die Wehrmacht. Zum Einen war die Wehrmacht auf Treibstoff für die Panzer angewiesen und zum anderen verlief die beste Vormarschroute quer durch Bastogne.

Ortsschild Bastogne
Ein Ortsschild von Bastogne mit deutlichen Kampfspuren. Ausgestellt im Bastogne War Museum, welches sich direkt in Bastogne befindet.

Was folgte waren viele Tage schwerste Kämpfe. Enorme Kälte, ständiger dichter Nebel und sehr viel Schnee machten die Kämpfe umso härter. 

Die Schlacht dauerte noch bis zum 21. Januar an. Die endgültige Wende kam durch den Eingriff von Pattons herangeführten Divisionen, welche am 12. Januar 1945 den Ring um Bastogne brechen konnten. Als sich dann die 1. und 3. US-Armee am 17. Januar bei Houffailize vereinigen konnten und am 23. Januar der wichtige Knotenpunkt St. Vith von der 7. US-Panzerdivision zurückerobert wurde, war das Schicksal dieser Schlacht endgültig besiegelt.

Die letzten wirklichen Reserven wurden geopfert. Die Wälder der Ardennen waren mit Gefallenen übersät. Die Verluste beliefen sich auf 20.000 Tote, 22.000 Vermisste und 48.000 Verwundete auf US-Seite und 18.000 Gefallene, 16.000 Vermisste und 35.000 Verwundete auf deutscher Seite.

Heute sind die Wälder geräumt und die Felder wurden kurz nach der Schlacht wieder bestellt. Doch die Spuren sind bis heute geblieben!

 

Nachtangriff

Vor einigen Wochen bekam ich die Genehmigung eines befreundeten Bauern aus Belgien auf einigen seiner Felder nach Hinterlassenschaften aus der Schlacht zu suchen. Das Bauernhaus selbst befindet sich an einer damals strategisch wichtigen Kreuzung ca. 50km nordöstlich von Bastogne. Hier kam es teilweise zu heftigen Kämpfen.

Aus Luftwaffe, Heer und Volkssturm zusammengewürfelte Einheiten versuchten genau an dieser Kreuzung Ende 1944 eine Bresche für die Panzer zu öffnen. Sie gruben sich ca. 600 Meter entfernt von dem Bauernhaus ein.

Die Amerikaner hielten das Bauernhaus und gruben sich in den umliegenden Wäldchen, sowie entlang der Wiesen ein. Immer wieder versuchten beide Seiten Vorstöße.

Im Umkreis dieser Felder kam es zu teilweise heftigen Kämpfen. Ende Dezember versuchte im Zuge einer Verlegung ein Artilleriekonvoi der Amerikaner nachts die Durchfahrt an dieser Kreuzung. In dieser Nacht kam es zu einem Gefecht, welches etwa zwei Stunden andauerte.
Laut Aussage eines leider bereits verstorbenen Zeitzeugen versuchte ein Trupp aus Soldaten der Luftwaffe, bewaffnet mit Panzerfäusten einen Angriff auf den Konvoi über eine Talsenke. Die Talsenke sollte den Soldaten in Geleit mit der Nacht Schutz vor Feindsicht bieten.
Jedoch hatten sich am Rande des Hügels bereits einige GIs eingegraben. Der Überraschungsangriff auf den Konvoi gelang zwar vorerst, doch als die Position des deutschen Trupps bekannt war, prasselte ein Feuerregen auf die Soldaten ein. Die eingegrabenen GIs befanden sich in bester Schussposition und aus der Nähe des Bauernhofs nahmen Mörser der US-Streitkräfte die Talsenke zielgenau unter Feuer.

Schematische Skizze der Kampfabläufe
Schematische Skizze zur Veranschaulichung

Auf beiden Seiten gab es bei diesem Angriff Tote und Verwundete. Wie viele genau ist bis heute unbekannt.

Genau diese Talsenke gehört zu den Feldern des befreundeten Bauern. Sein Bauernhaus befindet sich sogar direkt daneben! Um die Geschichte an dieser Stelle aufarbeiten zu können, hatte ich daher meinen Metalldetektor geschnappt und nach seiner Genehmigung genau dieser Senke einen Besuch abgestattet.

Tarnlichtabdeckung US ww2
Eine US Tarnlichtabdeckung von einem der angegriffenen Fahrzeuge. Dieses wurde in den 70er Jahren direkt am Straßenrand gefunden.

Die US-Positionen sind noch leicht erkennbar. Heute befindet sich hier ein kleines Wäldchen mit einer davor liegenden lang gezogenen Wiese, welche in der Talsenke endet. In der Talsenke ist der Boden der reinste Matsch. Sobald es regnet, bildet sich hier immer ein kleines Rinnsal. In der Senke selbst steht ein Anhänger zur Verpflegung der Kühe.
Nach wenigen Minuten hatte ich genau in der Talsenke das erste Signal: Ein abgeschnittener leichter Y-Riemen der Luftwaffe. Die Tatsache, dass er abgeschnitten war, deutet darauf hin, dass der Träger des Y-Riemens eventuell verwundet war. Koppel und Y-Riemen wurden dann hastig abgeschnitten um den Verwundeten besser versorgen zu können.

Fundhelm mit Y-Riemen
Der Fundhelm mit dem abgeschnittenen Y-Riemen

Direkt daneben: Reste einer Gasmaskendose mit einer verfallenen Gasmaske 30.
Wenige Meter weiter hatte ich dann ein sehr tiefes Signal mitten im Schlamm der Talsenke. Nach 5 Minuten Grabung in stinkendem Schlamm kam dann langsam eine Runde metallische Form zum Vorschein. Nach einer weiteren Minute war mit klar: Ein Stahlhelm!

Stahlhelm Bodenfund

Nach all den Jahren habe ich den Stahlhelm also aus dem Schlamm befreit. Eine wahre Zeitkapsel!

Der Schlamm hat den Helm recht gut konserviert und sorgte über die Jahre dafür, dass der originale Lack und die Embleme größtenteils erhalten blieben.
Weitere Beifunde im gleichen Loch waren zwei Feldmützenknöpfe aus Keramik, Reste eines Brotbeutelriemens, Knöpfe eines Brotbeutels und zwei Uniformknöpfe.

Bodenfund Stahlhelm M35

Menschliche Überreste fanden sich zum Glück nicht. Von dem Bauer hatte ich bereits die Information, dass die Gefallenen in der Region beim Vormarsch der Amerikaner geborgen und ordentlich bestattet wurden.
Bei direkter Ansicht des Helmes im Fundzustand war klar, dass sich hier eine Zeitkapsel mit einer tragischen Hintergrundgeschichte in meinen Händen befand.
Den Helm habe ich noch direkt am Bauernhof mit Wasser abgespült. Das Innenfutter habe ich ausgebaut, in destiliertem Wasser gereinigt und entsprechend behandelt, damit es nicht austrocknet.
Die Ränder, welche relativ bröckelig waren habe ich mit Ovatrol-Öl versiegelt, damit ein Weiterrosten verhindert wird.

Weitere Beifunde
Einige weitere Beifunde

 

Der Stahlhelm

Was direkt auffällt ist, dass es sich bei dem Stahlhelm um einen Stahlhelm 35 handelt. Der Innenring wurde im Jahr 1938 produziert. Es handelt sich um einen Stahlhelm mit Doppelemblem. Der Luftwaffen-Adler ist noch das erste Modell. Der Hersteller ist Quist, die Glockengröße eine stattliche 66. Die Lotnummer lautet 161.

Stahlhelm M35 Luftwaffe early

Stahlhelm M35 Luftwaffe early

Stahlhelm M35 Luftwaffe early

Mehr zum Thema Stahlhelme gibt es in folgenden Beitrag: Der Stahlhelm der Wehrmacht - Modell M35, M40 und M42

Wer sich den Artikel über Stahlhelme genau durchgelesen hat, wird feststellen, dass hier etwas seltsam ist: 

Ein Stahlhelm mit Doppelemblem im Jahr 1944/45? Ein Helm, wie er damals gemäß Vorschrift zu tragen war, ist es nicht! Es handelt sich um einen Stahlhelm wie er 1944/45 dann in der Hast trotzdem noch verwendet wurde. Es wurde genutzt was da war! Daher ist anzunehmen, dass dieser Helm in der Tat noch gegen Ende des Krieges so ausgegeben wurde.
Der Stahlhelm hatte die Embleme allerdings ganz sicher abgetarnt! Am Helm selbst erkennt man noch Reste einer Kalk-/ Wintertarnung. Und dem Schlamm sei Dank: Auch Reste der feldmäßigen Grundtarnung sind erhalten! Hier wurden Holzspähne, Stoh und Erde mit Leim vermischt und dick aufgetragen.

Das Nationalemblem auf dem M35

M35 early type Luftwaffe eagle

An der Front des Stahlhelmes befindet sich ein riesiges Austrittsloch eines Granatsplitters. Unfassbar, mit welcher Wucht ein solcher Splitter selbst durch den Stahl des Helmes fliegt. Der Splitter ging hinten im Nackenbereich rein, breschte durch das Leder, durch den Innenring und letztlich noch durch den Stahl an der Stirnseite. Im Nackenbereich ist deutlich ein weggebrochenes Stück zu sehen, das genau zur Flugbahn des Splitters passt.

Splitterschaden M35
Der Splitterschaden an der Front des Stahlhelms

Eines ist ganz sicher: Für den Soldaten war dieser Treffer leider tödlich. Verfärbungen an der Frontseite des Leders weisen leider darauf hin.
Neben diesem Splitterschaden hat der Stahlhelm an der Seite des Luftwaffen-Emblems noch drei Einschusslöcher. Da alle drei Einschüsse in einer Reihe liegen, stammen diese sicherlich von MG-Beschuss, .30 Kaliber.

Einschusslöcher Stahlhelm M35

Die Projektile gingen durch den Stahl, durch den Innenring und beschädigten sogar noch das Leder des Innenfutters. Man sieht jedoch, dass die Wucht deutlich abgefangen wurde.

 

Aufarbeitung der Geschichte

Dieser Stahlhelm zeigt eindrucksvoll das wahre Gesicht des Krieges. Mich persönlich interessiert natürlich vor allem der Träger dieses Stahlhelmes. Was hat er erlebt? Wer war er?
Derzeit arbeite ich mit Hochdruck daran mehr über den Träger zu erfahren, welcher an dieser Stelle kämpfen und wahrscheinlich auch sein Leben lassen musste.
Nach derzeitigem Stand (Mai 2017) handelte es sich eventuell um Versprengte der 15. Fallschirmjägerdivision. Diese Information ist ein Grundstein, aber mir steht hier sicherlich noch viel Recherchearbeit bevor. Die Zeitzeugen, welche die Kämpfe miterlebt haben und mir eventuell mehr sagen könnten leben heute leider nicht mehr.
Alles was blieb sind die Geschichten, welche sie ihren Kindern erzählten.
Umso wichtiger finde ich, dass man die Geschichte nicht vergisst, sondern die Erinnerung aktiv aufrecht erhält!

 

Ein alter Stahlhelm - Eine Zeitkapsel - Ein Mahnmal. Wie auch immer man dieses Stück geborgene Geschichte sehen möchte. Für mich ist es eine Ermutigung weiter zu recherchieren.
Vielleicht kann ich mit diesem Helm die Geschichte hinter einem weiteren Schicksal genau aufdecken. Es sind auch bereits Briefe in die USA unterwegs. Hier helfen mir einige Historiker dabei, eventuell noch Veteranen oder Berichte ausfindig zu machen, welche explizit von diesen Kämpfen zeugen können.
Geschichte muss nicht trocken sein. Jeder kann sich an der Aufarbeitung und dem Verständnis aktiv beteiligen!

Die Kämpfe in der Ardennen sind nun bereits viele Jahrzehnte vorbei. Die Kriegsgeneration stirbt nach und nach aus. Umso mehr bewegt es mich immer wieder, dass bis heute amerikanische, britische und deutsche Veteranen auch in den Ardennen jedes Jahr gemeinsam und zusammen ihren Gefallenen gedenken. Hierbei handelt es sich um einen Akt der Friedenssicherung, welchen auch die kommenden Generationen hochhalten sollten.

Nur so bleiben die zahlreichen Opfer der Kriege nicht umsonst! Umsonst wären sie nur durch das Vergessen und die daraus resultierende Wiederholung der Geschichte. Die Freiheit welche wir heute haben wurde teuer durch Opfer, aber auch durch die Lehren aus der Vergangenheit erkämpft!

Daher sollten wir alle das Geschehene nicht vergessen, die Soldaten nicht pauschal verurteilen, sondern die Soldaten aller Seiten, welche gleichzeitig auch Opfer waren mit Respekt behandeln und gegen das Vergessen kämpfen! Die Veteranen, welche ich in der Normandie, in den Ardennen oder in Deutschland getroffen habe, tun dies aktiv! Und zwar gemeinsam! Die Aufgabe der nachkommenden Generationen sollte die Gleiche sein!