Sehr viele Sammler militärhistorischer Ausrüstung aus dem zweiten Weltkrieg kennen sie:
Die Tramp-Reisekaffeemühle. Sie wurde aus Bakelit gefertigt, war klein, einfach, extrem handlich und konnte ohne Probleme schnell die nötige Menge Kaffeepulver für eine große Tasse Kaffee produzieren.
Aufgrund dieser Eigenschaften soll sie an die Wehrmacht ausgegeben worden sein. Diese kursierenden Informationen gehen sogar so weit, dass diese Kaffeemühle zur Standardausrüstung jedes Soldaten der Wehrmacht gehört haben soll.

Vorab: Nein, diese Kaffeemühlen gehörten ganz sicher nicht zur Standardausrüstung der Soldaten! Sie wurden auch nicht von der Wehrmacht geordert oder ausgegeben! Es gibt keinerlei Nachweise, nicht einmal zeitgenössische Fotografien von Tramp-Reisekaffeemühlen in Nutzung.

Tramp Kaffeemühle
Nur 11,5cm hoch, 7,5cm breit und 3,5cm tief: Die Tramp-Reisekaffemühle

Tramp Kaffeemühle 


Woher stammen diese Informationen?

Im Jahr 2008 erschien das Buch "Deutsche Soldaten: Uniforms, Equipment and Personal Effects of the German Soldier 1939- 45" von Augustin Saiz.
In Deutschland erschien das Buch wenig später in einer etwas anderen Aufmachung unter dem Titel "Der Infanterist des deutsches Heeres".
Abgebildet in beiden Büchern war unter anderem die Tramp-Reisekaffeemühle. ("Der Infanterist des deutschen Heeres", 2. Auflage 2014, auf Seite 275)
Ab diesem Moment begann ein regelrechter "Hype" um die Tramp-Kaffeemühle und erste Angebote in Auktionshäusern, welche die Tramp als Kaffeemühle der Wehrmacht deklarierten ließen nicht lange auf sich warten.

Tramp Kaffeemühle

In Fachkreisen bildete sich jedoch sehr schnell Widerstand gegen diese Deklarierung. Außerdem wurde kritisiert, dass einige Nachkriegs- und sogar Fantasieprodukte abgebildet waren.

Leider ist diese Kritik auch angebracht, denn es werden in der Tat auch (wenige) Nachkriegs- und Fantasieprodukte gezeigt, welche jedoch ab der 2. Auflage größtenteils erwähnt werden.
Nichtsdestotrotz handelt es sich bei dem Buch jedoch um ein exzellent bebildertes Nachschlagewerk mit größtenteils sehr schönen, detaillierten Bildern und Beschreibungen! Das Buch kann durchaus empfohlen werden!

Autoren neuer Fachliteratur haben es heute nicht einfach, da der Militariamarkt regelrecht überschwemmt wird mit Nachkriegs- und Fanasieprodukten. Eine Unterscheidung zwischen Original und Fälschung kann daher häufig nur durch viel Erfahrung und Wissen in diesem Bereich erfolgen. Irrtümer kommen daher einfach vor und sollten den Autoren auch nicht vorgehalten werden.


Aber zurück zum Thema:

In Fachkreisen werden die Tramp-Kaffeemühlen häufig als Nachkriegsprodukte bezeichnet. Andere wiederum halten sie für zeitgenössisch und wieder andere behaupten nach wie vor, dass es Kaffeemühlen waren, welche an die Soldaten ausgegeben wurden.

Alle Teile der Tramp Kaffeemühle
Die Tramp Kaffeemühle komplett auseinandergebaut

 

Gab es Tramp-Kaffeemühlen also erst nach 1945?

Auf jeder Tramp-Kaffeemühle ist "B.O. Garantie" geprägt. B.O. steht für den Firmennamen "Gebrüder Ouhrabka".
Das Unternehmen Ouhrabka wurde 1923 von Vincens und Josef Ouhrabka in Lomnice (heutiges Tschechien) gegründet und hatte sich komplett auf die Produktion von Kaffee- und Gewürzmühlen spezialisiert.
"B.O. Garantie" war der Markenname. Das Unternehmen existierte von 1923 bis 1950. Es musste 1950 aufgrund der sowjetisch diktierten Verstaatlichung in der alten Form aufgegeben werden und war danach Teil des Unternehmens "Orlické Strojírny".

Da das Unternehmen also bis 1950 existierte und auch nur bis dahin unter der Marke "B.O. Garantie" produzierte, kann es durchaus sein, dass es sich bei der Tramp-Kaffeemühle um ein Nachkriegsprodukt handelt.

Tramp Kaffeemühle: Das Mahlwerk
Tramp Kaffeemühle: Das Mahlwerk

Es gilt also zu prüfen, ob Kaffeemühlen von "B.O." in Deutschland bis 1945 überhaupt alltäglich verfügbar waren.
Wie bereits angemerkt, befand sich der Firmensitz in Lomnice. Lomnice gehörte zum nördlichen Teil der damaligen Tschecheslowakei, befand sich innerhalb des sogenannten Sudetenlandes und wurde 1938 mit dem Münchener Abkommen (auch bekannt als das Münchener Diktat) in das deutsche Reich eingegliedert. Soweit die historischen Fakten zum Firmensitz.

Kaffeemühlen der Marke "B.O." waren in Deutschland auch bereits vor 1938 bekannt und in Nutzung. Das belegen Werbeanzeigen in diversen Zeitschriften der damaligen Zeit.
Fakt ist also, dass Soldaten der Wehrmacht durchaus solche Kaffeemühlen privat erwerben konnten, sofern es diese Kaffeemühlen damals gab.

 

Gab es die Tramp-Kaffeemühlen bereits vor 1945 oder nicht?

Ein erster Hinweis ergibt sich aus dem Webauftritt der Firma, welche heute von den Urenkeln der Gründer unter dem Namen "Lodos" (Lomnické Domácí Strojky, gegründet 1991) in Lomnice geführt wird.
Unter der Informationsseite zur Unternehmensgeschichte wird hier klar beschrieben, dass Tramp-Kaffeemühlen bereits vor 1945 produziert wurden.
Einen weiteren Beleg stellt ein Katalog dar, welcher von "B.O." in den frühen 1940er Jahren ausgegeben wurde. Zu sehen ist hier die Tramp-Kaffeemühle in unterschiedlichen Farbausführungen.
Es gab sie also bereits vor und während des zweiten Weltkriegs! Die Firma Lodos hat dies auch noch einmal bestätigt!

Tramp Kaffeemühlen: Katalogauszug aus den frühen 1940er Jahren
Tramp Kaffeemühlen: Katalogauszug aus den frühen 1940er Jahren

 

Die Behauptung, dass jeder Soldat eine solche Kaffeemühle bekam wurde von Lodos klar abgewehrt. Zur ausgegebenen Ausrüstung der Soldaten gehörte alles zur Verpflegungsaufnahme:

  • Kochgeschirr 31
  • Essbesteck und Göffel
  • Feldflasche

Mehr jedoch nicht! Alles andere mussten sich die Soldaten selbst beschaffen.
Die Verpflegung wurde von den Verpflegungskompanien übernommen. Jeder Soldat bekam laut Verpflegungskladde am Tag 8 Gramm Bohnenkaffee oder 10 Gramm Kaffee-Ersatz. An der Front wurde der Kaffee in der Regel durch die Verpflegungskompanien direkt fertig gebrüht ausgegeben.
Jeder, der sich bereits mit Veteranen unterhalten hat weiß, dass Kaffee in den letzten Kriegsjahren extrem rar war. Eine wahre Seltenheit!
Interessant ist auch, dass die eiserne Verpflegung 20 Gramm Kaffee (fertig gemahlen und verpackt) enthielt. (Siehe hierzu auch Fu 53 Eis. Portion (Eiserne Portion)) Der Kaffee kam stets fertig gemahlen an die Front.

Tramp Kaffeemühle: Mahlwerk
Das Mahlwerk von oben
Tramp Kaffeemühle: Mahlwerk
Das Mahlwerk von unten

Das alles bedeutet jedoch nicht, dass ein Soldaten diese Kaffeemühle nicht besitzen und nutzen konnte! Was die Soldaten an Selbstverpflegung mitbrachten war gerade in den Kriegsjahren jedem Soldaten selbst überlassen.
Soldaten durften sich selbst verpflegen! Die Tramp-Kaffeemühle war zur damaligen Zeit eine schöne, handliche und robuste Kaffeemühle und passte perfekt z.B. in den Brotbeutel 31. Warum also nicht!?
Auf zeitgenössischen Fotos findet man häufig allerlei ziviles Geschirr. Auch die Fülle an Marketenderwaren war immens.

Tramp Kaffeemühle
Der gemahlene Kaffe rieselte in den Auffangbecher, welcher dann herausgenommen wurde


Fazit

An dieser Stelle können alle Sammler beruhigt werden: Eine Tramp-Kaffeemühle konnte durchaus von den Soldaten genutzt worden sein!
Es gab sie bereits vor 1945 und sie waren auch in Deutschland erwerbbar. Als Ausrüstungsstück wurden sie jedoch ganz sicher nicht ausgegeben!
Eines muss sich jeder vor Augen halten: Von den Soldaten wurde alles genutzt, was ihnen zur Verfügung stand und womit sie sich das schwere Leben an der Front erleichtern konnten!
Hierzu benötigt es keine Abnahmestempel und es muss sich auch nicht immer um militärisch ausgegebene Ausrüstung handeln!

 

Quellen

  • Der Reibert - Dienstunterricht im Heere (Unterschiedliche Ausgaben)
  • H.Dv 86/1 - Vorschrift für die Verpflegung der Wehrmacht bei besonderem Einsatz