Der Unterstand "Vier Schornsteine" (Abri Caverne des Quatre Cheminees) auf dem zentralen Schlachtfeld von Verdun war ein Unterstand, der sich an der Höhe Kalte Erde (Froideterre), direkt im Hang der Weinbergschlucht befindet. Er war ein wichtiges Etappenziel der französischen Poilus auf dem Weg in das Schlachtfeld nach Fleury und Thiamont.
Der Teil des Schlachtfeldes, in dem sich der Unterstand "Vier Schornsteine" befindet, wurde am 23. Juni 1916 in der zweiten Frontaloffensive der kaiserlichen Truppen, die auf 6 Km Frontbreite mit über 60.000 Mann geführt wurde, von bayerischen Regimentern gestürmt. Den Unterstand konnten sie jedoch nicht nehmen.

 

Erbauung und Konstruktion

Erbaut wurde der Unterstand "Vier Schornsteine" 1890 für die Etappenaufnahme von ca. 300 Soldaten.
Die vier Schornsteine dienten zur Belüftung des Unterstandes, der ca. 8 Meter unter die Erde in den Fels gehauen wurde. Innen ist er mit stabilem Backstein in Tunnelförmiger Form angelgt und befestigt. Diese Bauweise sollte sich wärend der Schlacht als sehr stabil und granatsicher erweisen.

 Unterstand

Der Angriff auf "Vier Schornsteine"

Der Angriff auf den Thiamontrücken und auch die Höhe Kalte Erde wurde bereits am 20. Juni 1916 mit einem ständigen Artilleriebeschuss vorbereitet. Im zentralen Artilleriebeschussareal befand sich auch der Unterstand "Vier Schornteine".
Am 22. Juni 1916 startete dann der Beschuss der Höhenzüge mit Giftgasgranaten. Das Giftgas schaffte es die französischen Verteidiger festzusetzen und die Verteidigung lahmzulegen. Das Atmen wurde für jeden der Soldaten auf den Höhenrücken zu einer Qual.
Die Giftgase drangen auch in den Unterstand "Vier Schornsteine" ein. Durch den Artilleriebeschuss war ein schnelles Entkommen aus der Giftgashölle unmöglich. Die Truppen mussten im Unterstand unter Atemnot ausharren. Viele wurden vergiftet oder starben.
Schon kurz nach dem Angriff konnte die Höhe Kalte Erde kurzzeitig besetzt werden.
Aus der Nähe des Werkes Kalte Erde (Ouvrage de Froideterre) aus startete am 23. Juni gegen 09:30 Uhr dann der Angriff auf den Unterstand "Vier Schornsteine". Er wurde von bayerischen Truppen durchgeführt. Sie kämpften sich wenig später bis an den Unterstand vor.
Der Unterstand konnte von den französischen Verteidigungslinien kurze Zeit abgeschottet werden. Er war umstellt.
Die bayerischen Truppen schafften es sogar Handgranaten in die Luftschächte zu werfen und die Eingänge mit Infanteriefeuer zu beschießen.
Im Unterstand selbst befanden sich zu diesem Zeitpunkt sehr viele Fronttruppen, Reservetruppen und Verwundete. Sie waren gefangen!
Durch die Handgranaten, die in die Luftschächte geworfen wurden brach große Panik aus. Wer jedoch aus dem Bunker herauswollte lief in den sicheren Tod. Im Unterstand war es stockeduster. Menschen schrieen, überall lagen die Toten und Vergifteten. Nach dreistündiger Belagerung schafften es französischen Alpenjäger, sich bis zum Unterstand vorzukämpfen und nahmen die deutschen Truppen unter Beschuss. Die bayerischen Truppen mussten sich zurückziehen und wurden in letzter Sekunde von den französischen Alpenjägern zurückgeworfen.

 

Zeugenberichte

Im Buch "Die Hölle von Verdun - Nach den Berichten von Frontkämpfern" von Jaques- Henri Liefebre ist ein größerer Bericht des Hauptmanns Gagneur (Paul Ginisty) aufgeführt, der näher auf die Erlebnisse im Unterstand "Vier Schornsteine" eingeht. So heißt es unter Anderem: "...
Am 22. stieg ich, verwundert über die ungewöhnliche Stille, die Stufen des Unterstandes hinauf. Tausende von Granaten fegten über unsere Köpfe hinweg und zerplatzen dumpf... Die deutschen schossen mit Giftgas. Die Posten gaben Gasalarm. Mir rollte ein Jäger vor die Füße, der um sich schlug und zwischen Reizhustenanfällen erbärmlich schrie. Dieser Gasangriff dauerte sechs Stunden. Sechs Stunden lang warteten wir schweigend, bedrückt und resigniert unter unseren Masken und fragten uns angstvoll, ob diese noch lange genug schützen würden. Am Fuße der Einstiege unterhielten wir Feuer um die Gase zu vertreiben.
...
Die Schwerverwundeten im Unterstand starben alle an Gasvergiftung... Die Unglücklichen, die aus Leichtsinn oder Kopflosigkeit ihre Masken schlecht aufgesetzt hatten, starben unter unsagbaren Qualen.
...
Im Morgengrauen des 23. hörte der Hagel der Gasgranaten auf, eine leichte Brise vertrieb die letzten Chlorwolken und das Trommelfeuer der schweren Artillerie setzte wieder intensiver ein.
...
Um sechs Uhr meldete unser Beobachter, dass feindliche Gruppen am Zwischenwerk Thiamount auftauchten, einige Minuten später, dass sie den Hang herabkamen. Bald stürzten Männer in den Unterstand herein, die völlig durcheinander waren und schrien: "Sie sind da!" ...
Die Tragödie spielte sich schnell und brutal ab: Der Rest des halbverschütteten, niedergewalzten, entwaffneten Bataillons wurde niedergemacht oder gefangengenommen. Die Deutschen waren über uns und um uns.
..."


Quellen

"Militärgeschichtlicher Reiseführer - Verdun" - von Horst Rohde und Robert Ostrovsky - erschienen im Verlag E.S. Mittler & Sohn GmbH
"Spurensuche bei Verdun - Ein Führer über die Schlachtfelder" von Kurt Fischer und Stephan Klink - erschienen im Bernhard & Graefe Verlag
"Die Hölle von Verdun - Nach den Berichten von Frontkämpfern" von Jaques- Henri Liefebvre, übersetzt von Veronika Fischer, erschienen im Verlag "Editions Du Memorial"