In den Kampf- und Betriebspausen suchten die Soldaten der Nachrichtentruppe (genau wie die Soldaten aller anderen Waffengattungen und Nationen) Ruhe und Entspannung. In vielen Gesprächen, welche ich mit Veteranen geführt habe, wurde mir davon berichtet. Man wollte neben den Kriegseindrücken auch immer ein Stück Normalität erleben und der Realität des Krieges entfliehen.
Die Soldaten gingen hierzu wenn möglich in die Natur, besichtigten Städte oder gingen ihren Hobbys nach. Ganz normale Menschen eben.

Der Nachrichtensoldat Müller schien in der wenigen Freizeit gerne zu malen. Und so zeichnete er am 22.09.1941 seinen Fernmeldebetriebswagen, ein Kfz.61, in welchem er wohl Dienst tat.
Er hat hier ein wunderschönes handgemaltes Aquarell mit einer tollen Ausstrahlung geschaffen. Solche handgefertigten Bilder, welche mitten im Krieg gemalt wurden sind sehr selten und geben uns heute einen Einblick in die Gedanken und Kriegssoldaten der Soldaten. Man denke nur an die berühmte Madonna von Stalingrad.

Aquarell eines Fernmeldebetriebswagens

Das Bild des Soldaten Müller wirkt fast schon idyllisch. Man kann fast von einer "Kriegsromantik" sprechen, sofern es so etwas gab. Es zeigt jedoch auch, wie wichtig den Soldaten ihre Kameraden und auch der Dienst war. Schlimme Zeiten schweißen eben zusammen. Wenn dieser Soldat seinen Fernmeldebetriebswagen nicht mögen würde, hätte er ihn wohl kaum gemalt.

Auf dem Bild sieht man sehr schön das Kfz.61, betriebsbereit an einer Hauswand. An der Hauswand laufen direkt Telefonleitungen entlang. Diese machte man sich zunutze. An die Leitungen angeschlossen ist eine Feldvermittlung. Ein Aufbau wie aus dem Lehrbuch.

 

Ich wollte gerne noch mehr über dieses Bild erfahren und so lag die folgende Frage nahe:

Von welcher Einheit stammt der Betriebswagen?

Zuerst ist festzustellen, dass man anhand des Nummernschildes leider nichts herausbekommen kann, da diese noch vor Beginn des Krieges unter Verschluss getauscht wurden. Heute existieren hierüber leider keine Listen mehr.

Aquarell eines Kfz.61

Einer der wichtigsten Hinweise war natürlich der Ort, welcher in der Signatur des Bildes festgehalten wurde: Fassowa. Doch muss man hier beachten, dass die deutschen Ortsnamen nicht unbedingt identisch mit den in lateinischer Schrift übersetzten Ortsnamen auf Russisch sein müssen. Daher fragte ich bei einem Kollegen nach, welcher aus Russland kommt. Er gab mir sofort den Tipp, dass dieses Dorf im russischen Sprachraum wahrscheinlich eher "Fasova" geschrieben wird.

Der Maler hat auch die genaue Einheit festgehalten. Er hat den Funkwagen so detailliert gemalt, dass er auch die Bezeichnung der Einheit auf der Rückseite übernommen hat. Nur die Zahl in der Mitte ist leider nicht mehr komplett lesbar. Vorne sieht man deutlich, dass es sich um die 7. Kompanie eines Nachrichtenregiments (7.N.R.) handelt. Die Nummer des Regiments ist 5*9. Somit kommen nur drei Nachrichtenregimenter in Frage.

Im Kriegsjahr 1941 gab es nur drei Nachrichten-Regimente, welche eine dreistellige Regimentszahl mit einer 5 vorne und einer 9 hinten hatten:

  1. Armee-Nachrichten-Regiment 509, welches sich jedoch 1941 im Westen befand und ohnehin nur 5 Kompanien besaß.
  2. Armee-Nachrichten-Regiment 549, welches sich in dieser Zeit bei Kiew befand. Hier gibt es westlich in Richtung Schitomir in der Tat einen Ort namens Fassowa.
  3. Armee-Nachrichten-Regiment 589, welches sich in dieser Zeit östlich von Smolensk befand.

Weitere Nachrichten-Regimenter fielen aus, da sie später aufgestellt wurden.

Soweit war also davon auszugehen, dass es wahrscheinlich das Armee-Nachrichten-Regiment 549 ist.

Signatur Fassowa 22.09.1941

Um sicher zu gehen war das nächste Indiz das Datum. Da es sich um eine Feldvermittlung handelt, musste diese in Frontnähe gewesen sein. Die Frage war nun, ob sich der gefundene Ort am 22.09.1941 in Frontnähe befand.

Die Kesselschlacht um Kiew 1941 war eine Umfassungsschlacht von gigantischem Ausmaß! Sie dauerte von Ende August bis Ende September 1941. Am Ende der Schlacht machte die Wehrmacht 660.000 Gefangene! Leider gab es auch viele Gefallene, was von der Härte dieser Schlacht zeugt: 164.000 Gefallene und Verwundete auf sowjetischer Seite und 95.000 Gefallene und Verwundete auf Seite der Wehrmacht.

Nach dieser Kesselschlacht dachten bereits viele Soldaten der Krieg im Osten wäre fast vorbei. Doch sie und vor allem auch ihre Führung unterschätzten die gewaltigen Ausmaße dieses Landes. Die nächste wirklich große Kesselschlacht war 1942/43 in Stalingrad. Hier ging jedoch nicht mehr die Rote Armee ins "Netz", sondern diesmal war es die Wehrmacht. Die 6. Armee wurde komplett vernichtet. 300.000 Tote und Verwundete auf deutscher Seite, 108.000 gerieten in Gefangenschaft, von denen nur 6.000 lebend nach Hause zurückkehrten.

Feldvermittlung

Das gefundene Fassowa befindet sich ca. 40 km westlich von Kiew. Verglichen mit dem Datum des Bildes konnte ich sagen: Volltreffer! Am 22.09.1941 war Fassowa ca. 10km von der Front entfernt. Das Armee-Nachrichten-Regiment 549 operierte genau in diesem Raum!

Dagegen hatte das Armee-Nachrichten-Regiment 589 vielmehr einen Schwenk nach Nordosten aus Richtung Smolensk gemacht. Dieses Regiment fiel also komplett weg.

Das Bild zeigt also den zweiten Fernmeldebetriebswagen der 7. Kompanie des Armee-Nachrichten-Regiments 549!

Seit dem 10.10.1939 war das Armee-Nachrichten-Regiment 549 der 6.Armee unterstellt. Aufgestellt wurde es im August 1939 in Dresden. Das Regiment hatte großen Anteil am Nachrichtendienst während der Kesselschlacht um Kiew 1941. Doch der Grund, weshalb ich die Kesselschlachten im bisherigen Text so hervorgehoben habe ist, dass das Armee-Nachrichten-Regiment 549 mit all seinen Zügen 1943 in Stalingrad total vernichtet wurde. Über das Schicksal des Soldaten Müller, der dieses wunderbare Bild gemalt hat, ist leider nichts bekannt.